Kapital und Arbeit
Ein "kleines, krudes Pamphlet" (so die DLF-Rezension) macht Furore: Mit Bonjour paresse gelang Corinne Maier in Frankreich der Sprung in die Bestsellerlisten. Wenn ich die Besprechung richtig verstanden habe, so nimmt die Autorin eigentlich die neuen Austauschverhältnisse von Kapital und Arbeit unter die Lupe. Sie tut das allerdings mit spitzer Feder und Schalk im Nacken (um mal ein paar abgegriffene Bilder zu strapazieren):
"Arbeiten Sie nie", sagte der Situationist Guy Debord. Was für ein wunderbarer Plan, allerdings schwer zu verwirklichen. [...] Hört, hört, Ihr mittleren Angestellten großer Betriebe! Dieses provozierende Buch soll Sie "demoralisieren", genauer gesagt, es soll Ihre Arbeitsmoral untergraben. Es wird Ihnen helfen, sich des Unternehmens zu bedienen, in dem Sie beschäftigt sind, während bisher lediglich Sie dem Unternehmen dienten. Es wird Ihnen erklären, warum es in Ihrem Interesse ist, so wenig wie möglich zu arbeiten, und wie man das System von innen torpediert, ohne dabei aufzufallen. [...] Ist Die Entdeckung der Faulheit ein zynisches Buch? Ja, und zwar absichtlich, das Unternehmen ist schließlich auch keine humanistische Institution.Eine Art Ruf zu den Waffen im ungleichen Kampf? Hören wir Rezensentin Barbara Eisenmann:
Weltweit befinden sich die großen Konzerne gerade in der härtesten antisozialen Offensive des letzten halben Jahrhunderts. Sie vernichten Arbeitsplätze, wo es nur geht, legen ihr Kapital lieber nicht-investiv an, und siehe da, die Gewinne steigen, wie schon seit Jahrzehnten nicht mehr. [...] Die neuen Verhältnisse von Kapital und Arbeit, die klare Verschiebung von Macht zugunsten des Kapitals und entsprechend die Ohnmacht auf der anderen Seite, aber auch die Undurchsichtigkeit der Machtverhältnisse im Unternehmen heute analysiert die Autorin von ihrer kommunikativen Seite her. [...] Was allerdings Irritationen auslöst und den medialen Hype um das Buch zu einer widersprüchlichen Angelegenheit macht, ist der Ort, von dem aus die Autorin spricht: den eher höheren Etagen der Angestelltenwelt nämlich. Sind ihre phänomenologischen Skizzen durchaus intelligent und die witzig-bösartigen Formulierungen auch erhellend unterhaltsam, so ist der das ganze Buch grundierende mimetische Zynismus und letztlich eben auch sein diskursiver Rahmen, der dem Motto folgt "Ihr höheren Angestellten solltet euch ganz so verhalten, wie es eure Konzernchefs tun, nämlich wie Parasiten", einigermaßen fragwürdig. Und die postideologische Selbstinszenierung der Autorin wirkt dabei bloß mehr wie eine Allüre. Denn wer kann sich heutzutage eine solche Haltung überhaupt leisten, wo die Angst um den Verlust des Arbeitsplatzes nicht ohne Grund grassiert. Dass sie selber in zahlreichen Interviews das Buch als "gelungene Farce" verkauft, macht die Sache nicht besser, denn es nimmt den durchaus im Text vorhandenen ernsthaften Ansätzen einer Kritik an der herrschenden Ökonomie den Wind aus den Segeln. (Ihre Verleger von Random House und die Bertelsmann freilich dürften sich genüsslich die Hände reiben.)Welche Erwartungen kommen hier ans Tageslicht? Wenn es so ist, dass die Nachfrage nach Kapital im weltweiten Maßstab steigt, die nach Arbeit hingegen sinkt (und dafür spricht einiges), dann folgt daraus zwangsläufig, dass die Preise für ersteres steigen und für zweitere sinken. Fallende Reallöhne oder ersatzweise Arbeitslosigkeit und wachsende Gewinne gehören unmittelbar zusammen - aber nicht aus moralischen, sondern aus wirtschaftlichen Gründen. Das Buch scheint in diesem veränderten Bezugsrahmen zu verbleiben, die Verhältnisse zu ironisieren, statt sich mit "ernsthaften Ansätzen einer Kritik an der herrschenden Ökonomie" abzugeben. Warum auch nicht? Spricht das etwa gegen Maier?
Corinne Maier: Die Entdeckung der Faulheit. Von der Kunst, bei der Arbeit möglichst wenig zu tun. Goldmann Verlag, München 2005, 155 Seiten, 12,20 Euro




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